Was ist das rote Sechseck-Schild über französischen Tabakladen?






An einer Straßenecke in einem französischen Viertel hängt über einem kleinen Laden ein schmales, hochformatiges rotes Schild in Rautenform. Dieses rote Schild heißt carotte, das „Karotten“-Zeichen der Tabakläden, und ist gesetzlich vorgeschrieben; der Name geht auf die Form zurück, in der Tabakblätter früher fest zusammengerollt wurden. Darunter befindet sich ein tabac, ein kleiner Allzweckladen des Viertels.
Anfangs war es ein Tabakladen. Doch im Laufe eines Jahrhunderts wurde daraus ein Ort, an dem fast alle kleinen Geschäfte des Alltags an einem einzigen Tresen erledigt werden konnten: eine Zeitung, ein Rubbellos, ein Busticket, ein Bogen Briefmarken, eine Steuermarke fürs Auto, eine Pferdewette. An der kleinen Cafébar am Ende des Tresens schlagen ältere Stammgäste vor einer Tasse Espresso die Zeitung des Tages auf.
Dass diese Läden zu Allzweckorten wurden, war kein Zufall. Seit der napoleonischen Zeit im Jahr 1810 war Tabak ein staatliches Monopolprodukt, und die Verkaufsrechte, die den buralistes, konzessionierten Tabakhändlerinnen und Tabakhändlern, übertragen wurden, weiteten sich nach und nach auf weitere staatlich delegierte Aufgaben aus: Briefmarken, Steuermarken, Lotterie, Fahrscheine. So wurde der tabac ganz selbstverständlich zu einem kleinen Verwaltungsschalter des Viertels und zugleich zu einem Café. In ganz Frankreich gibt es etwa 23.000 davon, ungefähr einen pro 2.900 Einwohner.
Der eine kommt früh am Morgen für die Zeitung, die andere nach dem Mittagessen für einen kleinen Espresso, jemand anderes gegen Abend mit einem Lottoschein in der Hand. Unter der roten carotte fließt der Tag so in fünf verschiedenen Rhythmen dahin.